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Au revoir

Der Arzt im weißen Kittel schüttelte den Kopf.

"Höchst seltsam", murmelte er. Er starrte seit Minuten auf den Bildschirm vor ihm.

Die rothaarige Frau sah ihn mit leerem Blick an. Plötzlich griff sie neben sich, als erwartete sie, dort die Flasche zu ertasten, die man ihr beim Betreten des Krankenhauses abgenommen hatte.

Doch sie fasste in die Luft.

Gegenüber von ihr stand, aus dem Fenster gebeugt, ein Mann in einem ordentlichen, grauen Anzug. Er stützte sich mit beiden Händen auf das Fensterbrett.

Als der Doktor abermals ansetzte, sein kryptisches "Höchst seltsam" von sich zu geben, fragte der Mann ungeduldig: "Wie viel wollen Sie?"

Nun endlich sah der Arzt auf. Er blickte den im Anzug verständnislos an.

"Wie bitte?", brachte er schließlich hervor. Ein leicht beleidigter Unterton schwang in seiner Stimme mit.

Der Mann lachte kurz. Es klang kein bisschen amüsiert.

"Ach, kommen sie. Tun Sie doch nicht so unschuldig."

Schweigen.

Wütend schlug er mit der Hand auf das Fensterbrett.

"Hören Sie, es geht hier um das Leben meiner Tochter. Linda ist erst 17. Sie träumt davon, um die Welt zu reisen. Und dann wollte sie ihr Studium beginnen. Architektur und Spanisch."

Er rieb sich die Augen, unter die die Geschehnisse der letzten Wochen zwei dunkelblaue Linien gezeichnet hatten. Immer noch aus dem Fenster gebeugt, fuhr er etwas leiser fort:

"Meine Frau und ich würden alles tun, um ihr Leben zu retten. Und glauben Sie mir, alles bedeutet bei uns eine gewaltige Summe. Also, wie viel muss ich Ihnen verdammt nochmal zahlen, damit Sie meiner Tochter endlich helfen?"

Verärgert rückte der Doktor seine ungewöhnlich dicke Brille zurecht.

"Ich kann Ihren Unmut ja verstehen, Herr Martin, aber ich verbitte mir dennoch die Annahme, ich würde nicht sowieso schon mein Äußerstes für ihre Tochter geben. Und ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, aber ich bin definitiv nicht bestechlich!"

Wie um sich zu beruhigen, strich er sich ein paar Mal über die spärlichen Überreste seiner blassen Haare.

"Ich habe soeben auf dem Röntgenbild eine mir unbekannte Substanz in Lindas Magen entdeckt, die ich noch identifizieren werde. Zudem werde ich Ihnen alle Medikamente mitgeben, die Linda irgendwie helfen könnten. Doch wie ich Ihnen bereits vor einer Stunde schon mitteilte, hat Ihre Tochter auf gar keinen Fall länger als ein oder zwei Jahre zu leben. Es tut mir schrecklich leid, aber weder ich noch sonst irgendein Arzt auf dieser Welt kann etwas dagegen tun!"

"Wie sieht die Substanz denn ungefähr aus?", fragte die Rothaarige auf einmal.

Ihr Blick war auf die Liege neben dem Bildschirm gerichtet. Schon hunderte von Patienten mussten hier gelegen und ängstlich auf ihr Urteil gewartet haben, das das dort angefertigte Röntgenbild ihnen schließlich sprach.

Der Doktor sah kurz zu ihr hinüber.

"Wie... nun, sie hatte seltsamerweise eine ähnliche Konsistenz wie Stoff."

Daraufhin brach die Frau aus irgendeinem Grund in irres Gelächter aus. Die Laute erinnerten ein wenig an ein verrückt gewordenes Huhn.

"Magda!", zischte ihr Mann entsetzt. Sie verstummte.

"Sie sind sich sicher, dass sich mithilfe der entsprechenden Summe nicht ein... sagen wir, ein weniger legales Medikament auftreiben ließe? Ich übernähme die volle Verantwortung! Kommen Sie, ich biete Ihnen eine Million Euro für ein Medikament, das Linda rettet! Es muss eines geben, irgendeines! Oder sagen wir, zwei Millionen! Zwei Millionen Euro für ein solches Medikament! Stellen Sie sich vor, was Sie damit anstellen könnten! Ich könnte Sie reich machen! Aber bitte helfen Sie meinem Mädchen!"

Der Arzt gab es auf. Er schüttelte nur ungläubig den Kopf.

"Hier haben Sie die Liste mit Medikamenten, die ich Linda verschrieben habe. Geben Sie dieses Formular der Schwester Jägermann, sie wird in ein paar Minuten hier vorbeischauen und ihnen die Arzneimittel heraussuchen. Ich muss jetzt zu anderen Patienten, die meine Hilfe dringend benötigen.

Linda, ich schlage vor, du setzt dich zu deiner Mutter, während ihr wartet. Aber sei vorsichtig mit dei..."

Er brach aprupt ab. Als er sich der Liege zugewandt hatte, um die Tochter der Martins direkt anzusprechen, war er in der Bewegung erstarrt.

Der Vater drehte sich jetzt ebenfalls um, um zu sehen, was los war.

Seine Blick streifte die halb geöffnete Tür und verharrte auf der vollkommen leeren Liege.
4.8.14 15:17
 


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